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SKTWK 2019

Oder: Das Problem mit den Olympischen Spielen

Das Wichtigste vorne Weg: ein großes Dankeschön an die Jungs von Finelines, die es mit der STKWK geschafft haben Skateboarddeutschland ein Event zu geben, bei dem die Szene zusammenkommen und eine gute Zeit haben kann. Seit den frühen Mastership Tagen hat es das nicht mehr gegeben und das ist eine Weile her. Jetzt haben wir unsere eigenes, kleines Copenhagen Open. Klar haben sie das Rad nicht neu erfunden, klar gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten, aber man kann an all den Details, wie etwa den Snapshot Cams die im Tickerbeutel-Goodiebag auf den Hotelzimmern warteten oder dem unglaublich guten Stefan-Marx-Wallride-Best-Trick-Jam erkennen, mit wie viel Liebe sie dabei sind. Deshalb war das Event auch wieder mindestens so gut wie letztes Jahr. Ein paar Dinge muss man aber trotzdem ansprechen, die jedoch im Kern nichts mit der SKTWK an sich zu tun haben – was die Sache gerade so problematisch macht.

Die Sache mit der SKTWK kam zustande, weil sich durch die Olympiateilnahme von Skateboarding plötzlich Verbandsstrukturen bildeten und dieser Verband die Deutsche Meisterschaft (neu) vergab. Bisher kürte der COS Cup den Deutschen Meister, nun sicherte sich Finelines die Rechte und stellte dafür die SKTWK auf die Beine. Im Grunde könnte man Olympia also dankbar sein. Gleichzeitig ergibt sich dabei jedoch das Problem, dass der Verband der Veranstaltung natürlich seine Richtlinien überstülpt, wodurch eine Menge an Spaß verloren geht, auch wenn die Organisatoren versuchen nicht einfach nur eine stupide Meisterschaft auszurichten, sondern die Skateboardkultur in Gänze zu feiern. So startete alles bereits am Mittwochabend mit einer Gruppenausstellung von Roberto Cuellar (der eine modulare Skulptur gebaut hatte), Stanley We und Nizan Kasper (die jene Skulptur geskatet waren, was Nizan in einer Videoinstallation festgehalten hat), Laura Kaczmarek (die Fotos davon machte) und Stefan Marx (der die ganze Sache auch noch zeichnete).

Am Donnerstag ging es weiter mit einem Besuch des großartigen Utopia DIY Spot in Dortmund. Einem Ort, an dem Skateboarding in seiner Reinform pulsiert. Selbstbestimmt, unnormiert, mit Freude unter Freunden. Im Anschluss stellten die Kollegen von Pocket ihr neues Buch vor und ließen bescheuerte Frisuren schneiden.

Der Freitag wartete mit einer Real Street Session auf (wobei das Flatrail jetzt nicht so mega real Street war, aber trotzdem witzig). Am Ende schmissen sich ein paar Motivierte noch auf diesem Rail einen etwas steileren Abhang hinunter. Einer davon unser Ex-Prakti Nils. Ganz leger, mit Kippe (oder Joint, er war sich später nicht mehr sicher…) im Mund, ohne Auslauf volle Pulle in einen Metallzaun hinein. So was zu versuchen ist weit entfernt von Entscheidungen, die zu einem Olympiasieg führen – aber sie machen unglaublich Spaß. Logisches Handeln kann man sich für den lückenlosen Lebenslauf aufheben. Der Spaß ging an diesem Abend noch weiter mit einer Open-Air-Videonight und einer ziemlich seltsamen Hausparty, bei welcher der Gastgeber sich gar nicht so wirklich bewusst war, dass er eine Party gab. Anyway.

Samstag und Sonntag zog dann schließlich der Ernst des Lebens ein. Die Deutsche Meisterschaft im Skatepark Eller stand an. Um ehrlich zu sein, die Quali Runs am Samstag hab ich mir geschenkt. Warum sollte man in einem Skatepark abhängen, wenn man nicht dort ist um zu skaten? Aber es ist nun mal der Aufhänger der ganzen Veranstaltung, dass die Deutschen Meister gekürt werden. Meine Wunschvorstellung wäre, dass wir es in Skateboarding irgendwann hinbekommen ein Event zu veranstalten, an dem am Ende kein Sieger auf einem Treppchen stehen muss. Das hier ist ja schließlich nicht Leichtathletik, Formel 1 oder die Fußball WM. Warum nicht einfach eine gute Zeit haben, zusammen skaten und fertig? Aber egal, bis das irgendwann mal klappt kann ich damit leben, dass wir die Meisterschaftskröte schlucken müssen, um das restliche Programm zu bekommen. Zu sagen die Organisatoren würden das ähnlich sehen, ist wohl nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt. Also wird die Meisterschaft eben mehr notgedrungen als aus Überzeugung ausgetragen, doch das Problem dabei ist nun dieses Olympia-Ding. Obwohl selbst im deutschen Olympiakader niemand wirklich daran glaubt, dass Deutschland nächstes Jahr in Tokyo etwas reißen könnte bzw. das auch nie der Plan war, sondern vielmehr die durchaus ehrenwerte Idee verfolgt wird, durch die aufgrund von Olympia nun zur Verfügung stehenden Budgets eine bessere Infrastruktur an Skateparks zu schaffen (diese infrastrukturelle Förderung tritt allerdings erst ein, wenn sich Skateboarding im Olympischen Kanon fest etabliert hat, was jedoch zum nächsten Olympia-Zyklus sehr wahrscheinlich ist) und den Skatern aus dem Kader Skatetrips zu ermöglichen, sind dafür natürlich Zugeständnisse nötig – sprich Vereinsstrukturen und Dopingtests. Für manche mag das kein großes Ding sein, andere bekommen davon das kalte Grauen. Ich gehöre dazu. Wie so viele habe ich mit Skateboarding begonnen, weil ich keinen Bock auf Vereinsmeierei hatte, darauf dass mir irgendwer sagt, was ich zu tun habe. Ich habe damit begonnen, weil ich keinen Bock auf das kleinbürgerliche Umfeld um mich hatte, keinen Bock auf Mainstreamkultur, keinen Bock auf ein normiertes Leben, immer gerade aus, links und rechts gesichert durch Leitplanken. Bei rot stehen, bei grün gehen. Skateboarding war ein Ausweg aus all dem. Das Skateboard war die Eintrittskarte in einen Freiraum, in dem alles nach eigenen Ideen funktioniert. Einen Hinterhof abseits der Hauptstraßen, in den man rumalbern kann wie man will. Spreche ich dieser Tage mit Menschen, die mit Skateboarding nichts zu tun haben, über Olympia, höre ich oft: „Ach, das ist aber schön, dass ihr endlich auch Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt“, während ich keinen größeren Fick auf diese Aufmerksamkeit geben könnte. Schließlich ging es nie darum, Anerkennung von irgendwelchen Außenstehenden zu erhalten. Vielmehr ging es gerade im Gegenteil darum sich von deren Welt abzugrenzen und Gleichgesinnte zu finden, mit denen man sein eigenes Ding durchziehen kann. Und nun kommen diese Leute, mit denen man nie irgendwas zu tun haben wollte, wie etwa Hockeymoms, die IOC Liga der superkorrupten Greise (die Skateboarding einzig und alleine als Mittel benutzen, um noch mehr einzucashen) oder die WADA und versuchen uns zu erzählen, wie die Sache zu laufen hat. Und am Ende sollen wir uns auch noch freuen und schön artig Danke sagen, schließlich gibt es ja Skateparks dafür. Und diese tolle Aufmerksamkeit. Ja super! Skateboarder haben es bisher sehr gut alleine hinbekommen, in Zusammenarbeit mit Kommunen, Parks zu bauen (und keine Leistungszentren). Und falls nicht, sind wir eben Straße fahren gegangen. Ist eh geiler.

Was die WADA betrifft muss man zugestehen, dass sie grundsätzlich dringend notwendig ist und eine mehr als wichtige Funktion im Sport erfüllt. Es muss eine Regulationsbehörde geben die darauf achtet, dass junge Sportler nicht kaputtgespritzt werden wie russische Leichtathletinnen oder Tour de France Teilnehmer, die mit mehr leistungssteigernden Substanzen durch die Gegend radeln, als an einem Wochenende im Berghain konsumiert werden. Die Krux an der Sache ist jedoch: Skateboarding ist kein Sport. Und es ist ja auch noch niemand auf die Idee gekommen Maler oder Schauspieler zum Dopingtest zu zitieren. „Ne sorry, dieses Bild haben sie unter Einfluss unerlaubter Substanzen gemalt. Das zählt nicht und sie sind erst mal gesperrt“. Anstatt sich Skateboarding mit Respekt zu nähern und zu versuchen unsere Kultur zu verstehen, die wir uns über Jahrzehnte aufgebaut haben kommen Personen, die absolut nichts mit Skaten zu tun haben, mittlerweile an und versuchen Regeln anzuwenden, die in Skateboarding keinen Sinn machen. Und umso näher die Olympischen Spiele rücken, desto mehr nervt das. Niemand hat diese Leute auf die Party eingeladen und nun sind sie da, greifen sich das DJ Pult und spielen Mucke, die keiner hören will. Und das alles ist um so grotesker, weil ja nicht mal jemand versucht zu dopen. Während im Sport tatsächlich Aktive, Trainer oder Funktionäre teilweise haarsträubende Anstrengungen unternehmen um zu bescheißen und dafür ihre eigene Gesundheit oder die ihrer Schützlinge riskieren, will hier jeder lediglich eine gute Zeit haben und für viele gehören da eben Drogen (Alkohol ist da eingeschlossen) dazu.

Damit wir uns richtig verstehen, es geht in diesem Text darum, die Annektierung einer Szene durch lediglich von Profitgier getriebene Außenstehende anzuprangern, durch welche Skateboarding zunehmend verändert und gespalten wird und in keiner Weise darum Drogenkonsum zu verherrlichen. In unserer Szene gibt es genug Beispiele an Menschen, die sich mit Drogen zugrunde gerichtet haben oder verantwortungslos verheizt wurden, weil sich das Image des Rebellen ja so gut vermarkten lässt. Lange Zeit fand dazu kaum Diskurs statt. Langsam ändert sich das und es ist von großer Wichtigkeit und muss auch weiter intensiviert werden (es ist in den Bildern hier ein Cory Kennedy Board zu sehen. Wir kennen alle die traurige Geschichte). Man ist jung, man ist mit Freunden unterwegs, ständig auf Trips, ständig Ausnahmezustand – ja logisch ist da 24/7 Partylife angesagt und irgendwann ist man in seinen 30ern und wird von der Industrie ohne Rettungsfallschirm ausgespuckt. Party’s over und der Realitycheck kommt mies. Es ist Zeit offener darüber zu sprechen, dass man nicht einfach cool wird, weil man sich hart einen reinsäuft oder sich vollballert bis der Kiefer problemlos Backsteine mahlen könnte. Niemand muss Drogen nehmen, aber es sollte auch niemand ungefragt ankommen und aufgrund einer Antidoping Verordnung vorschreiben, das zu lassen. Schon klar, Drogen sind ungesund, aber die meisten spaßigen Dinge im Leben sind das und etwas per se zu verbieten ist eine ziemlich kurz gedachte Reaktion, die noch nie funktioniert hat. Nichts spricht dagegen gelegentlich mit Freunden einen Joint zu rauchen, nach einer Session ein Bier zu trinken oder sich auf der Aftershowparty eines Events wie der SKTWK spaßig wegzulöten, weil man gerade eine gute Zeit hat. Es ist allerdings durchaus ein Problem, wenn wake-and-bake der Normalzustand ist oder man sich schon morgens das erste Bier einschenkt – und vor allem wenn die Gründe dafür sind, dass man mit dem eigenen Leben nicht klarkommt. In solchen Fällen müssen wir lernen offen darüber zu sprechen und Hilfe anzubieten wo es geht. Den Drogenkonsum aber als Nebeneffekt von Dopingtests zu regeln und damit eine Szene in eine Richtung zu drehen, in die sie nicht gehen möchte, ist bevormundend, geht völlig am Problem vorbei und führt lediglich dazu, dass diejenigen die Drogen konsumieren dann eben nicht mehr bei den entsprechenden Contests mitfahren dürfen. Und das sind gar nicht so wenige, die an diesem Wochenende durch die Dopingtests gerasselt sind. Sieht man sich die Bilder an, die hier von der SKTWK zu sehen sind, fällt auf, dass der Biersponsor ordentlich Sichtbarkeit bekommen hat (ach ja, wär es übrigens möglich, nächstes Jahr Augustiner anzufragen…). Die restlichen Substanzen kann man sich dazu denken. Man muss das wie gesagt nicht gut heißen, aber es ist nun mal offensichtlich, dass Drogenkonsum einen großen Raum in Skateboarding einnimmt, genau so wie es in der gesamten Gesellschaft ein Thema ist. Oder gehen die Menschen aufs Oktoberfest, weil die Hendl dort so lecker sind? Und dass man diesen Konsum nun verstecken muss oder man mit Ausschluss gemaßregelt wird ist, als wäre man wieder zwölf und würde heimlich rauchen, damit Mama und Papa es nicht mitbekommen. Derlei Grenzziehungen zu akzeptieren geht gegen alles, wofür Skateboarding steht. Oder lassen wir uns für gewöhnlich von Securities von Spots vertreiben?

Während den Final-Runs von Erik Müller hat sein mitgebrachter Fanclub Spruchbänder hochgehalten, die sich klar gegen Olympia positionierten. Die Stimmung war im ganzen Finale nicht besser. Die Leistung war zweitrangig, es ging hauptsächlich um den Spaß an der Sache, um Freundschaft, um eine gute Zeit. Wieso versucht eine Organisation wie das IOC sich eine Szene einzuverleiben, die zu großen Teilen ganz offensichtlich keinen Bock darauf hat und diese Annektierung sogar offensiv ablehnt? Als der ganze Schmu noch abstrakt war, konnte man es schulterzuckend wegwischen. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angekommen, an dem der Spaß aufhört und Skateboarding sollte sich dagegen wehren. Oder wir singen eben alle leistungsorientiert die Nationalhymne mit, wenn der erste olympische Skateboard-Gold Gewinner (möglicherweise ein retortengezüchteter Superathlet) in Sportuniform auf dem Treppchen steht, nur damit ein paar alte Säcke ihre aus der Zeit gefallene Veranstaltung verjüngen können, um noch ein bisschen mehr Kohle zu scheffeln.

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