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Alex Ullmann – Ab jetzt mit Helm

Eigentlich war dieses Interview mit Alex Ullmann bereits für letzten Herbst geplant (mit den Fotos von Dennis Scholz), aber dann krachte das Schicksal so richtig in sein Leben, in Form eines schlimmen Sturzes mit folgender Hirnblutung und Intensivstation. Wieder raus aus dem Krankenhaus wurde Alex immer noch von Übelkeit und Doppelblick begleitet. Er hatte sich den Sehnerv hart geprellt und das waren die Nachwirkungen, mit denen er auch heute noch zu kämpfen hat. Während seiner Genesung gab es auch ein paar weitere Rückschläge, aber langsam ist Alex wieder fit, hat eine Menge Pläne und eine Botschaft: fahrt mit Helm!

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Fangen wir mal bei der aktuellen Problemlage an. Warum liegst du denn Zuhause rum?

Ich habe mir den Mittelfuß gebrochen. Anfangs dachte ich, dass er vielleicht nur geprellt ist und habe zwei Wochen Pause gemacht und den Fuß geschont. Danach waren die Schmerzen weg und ich konnte wieder skaten, bis der Schmerz wieder kam. Also bin ich zum röntgen. Es wurde dann ein Übermüdungsbruch/Mittelfußbruch festgestellt. Jetzt muss ich die nächsten sechs Wochen Gips tragen [Mittlerweile ist der Gips schon wieder ab, Anm. d. Red.].

Alex Ullmann BS Smith

Backside Smithgrind | Photo: Dennis Scholz

Im November letzten Jahres ist dir ja noch was weitaus Härteres als ein Mittelfußbruch passiert.

Ja, das stimmt – leider! Ich kam von einem Job aus Frankfurt und war schon ziemlich müde, bin dann aber doch nochmal mit ein paar Homies in die Gießener Skatehalle und wir haben ein paar mobile Obstacles im Park verteilt. Irgendwann haben wir eine Jumpramp ans Curbcut gestellt. Das ging gut, bis ich versucht habe, von der Bank über den Table in die Jumpramp zu ollien – quasi anders herum. Ab da weiß ich nichts mehr. Ich bin auf den Kopf gefallen, es gab keine Platzwunde, einfach nur einen Schlag auf den Kopf. Dann war ich zehn Minuten bewusstlos. An alle Ersthelfer, die dazu beigetragen haben, dass ich jetzt noch lebe – ich kann euch gar nicht genug danken! Ich bin dann auf der Intensivstation der Uni Klinik Gießen mit Hirnblutungen aufgewacht und sah alles doppelt. Man kann sich das so vorstellen, als hätte man eine 3-D Brille auf, schaut aber keinen 3-D Film. Ich hatte dann ziemlich starke Kopfschmerzen, war verwirrt und konnte anfangs gar nicht realisieren, was passiert war. Meine Erinnerung an diese Woche sind sehr trüb. Ich habe viel geschlafen und den Besuch, den ich auf der Intensivstation bekam, gar nicht wahrgenommen. Ein paar Tage später gingen meine Hirnblutungen zurück und nach einer Woche wurde ich auf die normale Station verlegt, wo ich dann noch eine weitere Woche verbrachte und diverse neurologische Test durchlaufen habe.

Wie war das, als du im Krankenhaus realisiert hast, was passiert ist und nicht wusstest, wie das jetzt mit dem Doppelblick weitergeht?

Ich war wie betäubt und hatte große Angst davor, dass ich den Rest meines Lebens mit diesem doppelten Blick leben muss. Wie soll es jetzt weiter gehen? Wie soll ich Skateboard fahren? Was wird aus meiner Selbstständigkeit? Es war alles so ungewiss...

"Ich hatte große Gleichgewichtsprobleme, starken Schwindel und musste, wenn ich in einem Auto mitgefahren bin oder zu Fuß unterwegs war, regelmäßig kotzen. Ohne einen stützenden Arm, konnte ich mich draußen nicht mehr bewegen."

Hat man da auch mit Übelkeit zu kämpfen?

Ziemlich, ja! Ich hatte große Gleichgewichtsprobleme, starken Schwindel und musste, wenn ich in einem Auto mitgefahren bin oder zu Fuß unterwegs war, regelmäßig kotzen. Ohne einen stützenden Arm, konnte ich mich draußen nicht mehr bewegen. Die ersten Wochen habe ich bei Nina, meiner Freundin, verbracht. Sie hat mich sehr unterstützt! Vielen Dank dafür! Ich weiß das mehr als zu schätzen!

Nach dem Sturz hast du angefangen mit Helm zu skaten. War das auf Anraten der Ärzte?

Zu dem Zeitpunkt stand Skaten gar nicht zur Debatte, aber ich bin mir sicher, dass sie mir das geraten hätten. Mir war relativ schnell klar, dass kein Helm keine Option mehr war, wenn ich wieder einen Fuß auf ein Skateboard setzen sollte. Ich hatte vor zwei Jahren schon einmal eine ähnliche Kopfverletzung (ohne Skateboard). Damals war ich nur die erste Zeit mit Helm unterwegs, danach habe ich ihn wahrscheinlich aus „Stylegründen“ wieder abgesetzt. Eine dritte Kopfverletzung ist jetzt einfach nicht mehr drin... Mit einem Helm wäre ich vermutlich mit einer Gehirnerschütterung davon gekommen.

Alex Ullmann BS Noseblunt BW

Backside Nosebluntslide | Photo: Dennis Scholz

Wäre nach einem weiteren Slam jetzt richtig Feierabend?

Ne, das ist ja im Grunde nur eine Lähmung des Sehnervs. Ich hatte Glück. Ich hätte auch blind werden können. Aber wenn es in einem Betonpark oder beim Streetskaten und nicht in einer Holzhalle passiert wäre, dann hätte ich dieses Interview vielleicht nicht mehr geben können. Ich für mich habe aus dieser Sache gelernt und trage nun einen Helm. Eine Kopfverletzung mit Hirnblutung wäre dann höchst wahrscheinlich vermeidbar gewesen. Ein Restrisiko bleibt immer, egal wie consistant man ist. Dessen sollte man sich bewusst sein.

Obwohl du langsamer machen wolltest bist du im Februar direkt wieder auf eine Tour gegangen.

Zu dem Zeitpunkt wollte ich es einfach nicht wahr haben, dass ich von nun an mit einem doppelten Blick weiterleben muss und auf unbestimmte Zeit, vielleicht nie wieder, Skateboard fahren kann. Ich konnte nicht anders und musste aus dem ganzen Chaos einfach raus. Vernünftig, auf eine Tour mit zu fahren, war es aber überhaupt nicht. Eine Möglichkeit dem Ganzen zu Entkommen schon – zum Teil. Ich habe es mir schön geredet und die Situation verharmlost. Aber leicht war es ganz und gar nicht!

"Obwohl es so aussieht, als wäre alles wie immer, ist nach wie vor eine große Portion Glück dabei. Das größte Problem war der Login. Die Chance das Rail oder Curb zu treffen, war fifty-fifty. Das Gefühl ins Leere zu springen um zu treffen, ist richtig beschissen."

Bist du mittlerweile wieder auf dem Level von vor dem Sturz?

Das ist schwierig zu sagen. Die Tricks funktionieren, aber das Gefühl dabei stimmt einfach noch nicht. Obwohl es so aussieht, als wäre alles wie immer, ist nach wie vor eine große Portion Glück dabei. Das größte Problem war der Login. Die Chance das Rail oder Curb zu treffen, war fifty-fifty. Das Gefühl ins Leere zu springen um zu treffen, ist richtig beschissen. Oft hab ich verfehlt, habe viele Slams eingesteckt, aber irgendwann habe ich gelernt, mich damit zu arrangieren und bin gezielt vorbeigesprungen um zu treffen und einzuloggen. Wenn das dann mal geklappt hat, standen die Chancen gut, dass ich dann auch weiter fahre, weil die Vorstellungskraft, das Feeling und die Tatsache, dass ich den Trick schon einmal gemacht habe, ja da war.

Wir haben uns im Karneval 2019 in Köln getroffen und da hast du davon erzählt, dass du vor hast nach Köln zu ziehen. Wie sieht’s damit aus?

Zu dem Zeitpunkt hatte ich echt Bock auf was Neues, aber als sich mir dann die Möglichkeit bot, eine Werkstatt in Gießen anzumieten, war das bequemer und es hat einfach besser gepasst. Das Thema ist in den Hintergrund gerutscht, aber noch nicht ganz vom Tisch.

Alex Ullmann Nosepick Preisinger web

Backside Nosepick | Photo: Leo Preisinger

Das mit deiner Werkstatt hab ich zum ersten Mal mitbekommen, als du für die SKTWK das Rail gebaut hast. Wie lange machst du das schon?

So richtig angefangen hat das im Januar 2019. Nachdem ich die Ausbildung bei Mosaic abgeschlossen hatte, habe ich ein Gewerbe angemeldet und alles auf eine Karte gesetzt. Einen Businessplan hatte ich nicht, aber voll Bock! Ich habe mich dann viel mit Holz und vor allem mit Metall auseinandergesetzt und mir den Kram einfach selber beigebracht. Über einen Freund hatte ich die Möglichkeit, eine Werkstattfläche anzumieten, wofür ich dann nach und nach Maschinen, Werkbänke und Werkzeuge gekauft hab und immer mehr Möglichkeiten hatte. Um das allerdings finanzieren zu können, brauchte ich Geld. Mit Malte, einem befreundeten Skater und selbstständigen Tischler, bin ich dann immer regelmäßiger zusammen in Frankfurt arbeiten gegangen. Von ihm habe ich eine Menge lernen können, vor allem worauf es bei der Selbstständigkeit ankommt und wie der Hase generell so läuft im unabhängigen Handwerkerbuisness. Nach und nach hat sich das dann rumgesprochen, dass ich auch Skateboard Obstacles baue und so kamen dann Aufträge zu Stande wie z.B. ein Kicker für den Jam of Mainhattan in Frankfurt, ein 9-Meter langes Flatrail für die SKTWK in Düsseldorf, eine Schoolyard-bench aus Metall für einen Nike Weartest in Berlin oder ein Rainbowrail für die Northbrigade in Köln.

Alex Ullmann FS 50 50

Frontside 50-50 | Photo: Dennis Scholz

Es gibt ja auf Insta auch #dailyullmann. Wie kam es denn dazu?

Den Hashtag hat Cpt. Cracker irgendwann ins Leben gerufen. Vermutlich weil ich ziemlich viel skaten war und ihm immer Fotos und Clips geschickt habe, die er dann mit #dailyullmann gerepostet hat.

Apropos Cracker, was geht denn eigentlich beim Mob?

Beim Mob gab es in den letzten Monaten viel Veränderung. Zum einen ist Crackers Jahrelanger Partner Micha aus der Firma ausgestiegen, der Mob ist umgezogen und der ehemalige Azubi Karsten ist zu Mosaic gewechselt. Cracker ist jetzt Mob, eine One-Man-Show, und er managed alles, von der Idee bis zum fertigen Produkt. Das Team wird nun von Leon Merschmann, Tobi Lehne, Julian Sauer und Noah Evenius vestärkt. Ich freu mich auf kommende Sessions mit den neuen Möbsen!

Was wünscht du dir denn allgemein für die Zukunft?

Ich will einfach nur gesund werden. Dass mein Fuß vollständig heilt, die Doppelbilder komplett verschwinden und ich endlich wieder den Durchblick bekomme. Ich will wieder skaten, mehr reisen und mit Domi [Schneider] weiter an meinem Part fürs Hellride Video filmen und insgesamt einfach alles bisschen entspannter angehen.

"Spätestens dann, wenn man mit Hirnblutungen auf der Intensivstation liegt, wird einem bewusst, wie kurz das Leben sein kann"

Wie siehst du nach der ganzen Sache das Thema Helm?

Auch wenn es der ein oder andere als nicht cool oder was auch immer ansieht, kann ich trotzdem nur jedem raten einen aufzuziehen. Wenn man sich den Arm oder das Bein bricht, ist das halb so wild. Aber beim Kopf ist Schluss! Spätestens dann, wenn man mit Hirnblutungen auf der Intensivstation liegt, wird einem bewusst, wie kurz das Leben sein kann. Ich hatte Glück, dass ich jetzt nicht blind bin, oder querschnittsgelähmt in einem Rollstuhl sitze. Das, was passieren kann, wenn man keinen Helm trägt, steht in keiner Relation zu dem, was davon abhängt. Es ist keine Garantie dafür, dass nicht doch was Ernsthaftes passiert, aber es minimiert das Risiko sehr, einen bleibenden Schaden davon zu tragen! Wie kann es sein, dass der Style über der Sicherheit steht? In der Skateboardszene sind ja Helme so ein bisschen verpönt, oder?

Bei über 12-jährigen würde ich sagen ja. Für Megaramp oder Halfpipe geht’s, ansonsten wird das als nicht cool angesehen.

Selbst im Bowl hacken die Tricks drei Meter über dem Coping raus und laufen die Bails einfach aus, als wär’s eine kleine Quarter. Wenn es da knallt, dann halt richtig. In der Skateboardindustrie ist das Image wichtiger als die Sicherheit – das kann ich einfach nicht nachvollziehen. Was ist schon cool? Wenn jeder einen Helm tragen würde, wär’s wahrscheinlich nicht uncool. Nicht cool ist meiner Meinung nach, wenn man aufgrund eines vermeidbaren Fehlers sein Leben riskiert! Es ist an der Zeit dass Supreme den ersten Helm rausbringt! Wenn ich nur einen Skater davon überzeugen kann einen Helm zu tragen, dann hab ich mit diesem Interview alles erreicht, was ich wollte. Ich hoffe, dass andere aus meinem Fehler lernen!

Hellride 2020 Insta 27

Photo: Leo Preisinger

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