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R.I.P. Till Kemner

Als es darum ging, dass Berlin endlich eine Skatehalle bekommen sollte, verliess er die frühen Planungsrunden ohne grosse Worte. Klinkte sich einfach aus, liess die anderen weitermachen. Ihm missfiel, sich mit etwaigen Sponsoren und ihren Wünschen zu befassen, ihm missfiel, dass Fragen aufkamen, ob man auch Tage für BMXer, Blader und Scooterfahrer in Erwägung ziehen müsse. Er ahnte: irgendwann würde es darum gehen, dass Coca-Cola Sonnenschirme aufgestellt, Langnese-Eis verkauft und es Contests mit bescheuerten Namen von Energy-Brausen geben wird.

Er war raus, das war nicht seins. Er mietete sich eine runtergekommene Halle in einem der damalig noch letzten unerschlossenen Gebiete der Innenstadt, baute Monate, Jahre fast komplett in Eigenregie (Dank an dieser Stelle an einen Bekleidungshersteller, der ihn nahezu anonym unterstützte) das wohl genialste Stück Skateskulptur mit Dach drüber, welches Berlin jemals hatte – Bernds Wohnzimmer. Ein durchgängig aus Holz gebautes Meisterwerk auf perfekt bis in den letzten Winkel ausgenutzten noch nicht mal 500 Quadratmetern.

Diese Anekdote ist exemplarisch für ihn. Das war Till. Absolut typisch. Eigener Kopf, immer, unbestechlich und gerade, in all seinem Handeln und erst recht beim Skaten. Rücksichts- und kompromisslos bis zur Selbstaufgabe, ja manchmal Selbstverstümmelung. Manchmal tat es weh, ihm zuzusehen, meist war es die allergrösste Freude und es mag jetzt wirklich komisch klingen, aber nie zuvor spürte ich so etwas: ich hatte Mitleid mit den Spots. Ehrlich. Er hat Spots zerstört, literally. Rails, Ledges, Curbs, Parks, sie haben gelitten, manche haben es tatsächlich nicht überlebt oder tragen tiefe Narben, die er ihnen zugefügt hat. Kein Wunder bei fast zwei Metern geballter Wut, Hals, Speed, Dedication, purer Power. Wieviele Boards es nicht überlebt haben? Hunderte, vielleicht sogar tausende. Till hat Spots zu Spots gemacht, die für andere keine waren. Weil sie sie als solche vielleicht zwar sehen, aber nicht bezwingen konnten. Er konnte, war schnell genug, hatte die Power, die Eier, den Willen. Und an den Spots, die auch für andere welche waren, hat er gerne einen drauf gesetzt. Die Grinds länger, die Ollies höher, die Slides schneller. Wenn er getunnelt war, diese magischen Momente einsetzten, in denen ihm alles gelang, alles, und sei es auch noch so absurd, einfach nur flutschte, so setzten sich die anderen hin, überliessen ihm den Spot, sie konnten nicht anders. Aus zwei Gründen: zum einen wollte man diesen zwei Zentnern geballte Hühnenhaftigkeit in Rage nun wirklich nicht im Weg sein. Zum anderen: Es gab nichts schöneres, als ihm zuzusehen. Es ist wirklich keine verbrämte aus meiner Trauer gespeiste Schönfärberei, wenn ich sage, dass ich neben Sami bei keinem anderen Berliner mehr Freude hatte, ihm beim Skaten zuzusehen.

Und während viele andere Talente in bereits frühem Stadium versuchen, sich gut zu positionieren, einem Bild zu entsprechen, ihren Marktwert zu steigern, Sponsoren, Interviews und honorable Videoparts abzugreifen, war Till das alles völlig egal. Sich für Companies zum Affen machen? Contests, wo der Vibe nicht stimmt? Facebook, Insta, YouTube Channel? Fuck it! Es hatte für ihn keine Relevanz. Er wollte skaten und bestenfalls in Ruhe gelassen werden.

Der Hals, die Bahn, Harry, manchmal stur bis störrisch, aber immer integer, loyal und einer der geradesten, ehrlichsten, sympathischsten und herzensguten Typen, den ich jemals kennenlernen durfte. Es tut so verdammt weh, ihn verloren zu haben. Eine beschissene Krankheit hat ihn viel zu früh und für fast alle relativ plötzlich weggerissen. Ich heule. Zwei Dinge helfen in der Trauer und lassen mich für einen Moment kurz lächeln: Er ist nicht ganz weg, denn überall in der Stadt und darüber hinaus gibt es Spots, in denen er weiterlebt, die nur er auf seine unverkennbare Art markiert hat. Und ich weiss, da, wo er jetzt ist, setzen sich alle hin und schauen ihm zu. Sie können nicht anders.

- Stefan Batsch

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