Solo

Maxi Schaible – Carnalito Espiritual

28. Dezember 2016

Select Language: Englisch

Bei einem Besuch in Barcelona hatte Maxi Schaible Freunde aus Mexiko kennengelernt, die ihn am Ende des Aufenthalts zu einem Besuch einluden. Diesen Sommer war es schließlich so weit. Kurz entschlossen buchte sich Maxi einen Flug, gab den Jungs zwei Tage vorher Bescheid, dass er kommt, und war auch schon unterwegs. Drei Wochen Mexiko standen an. Zusammen mit seinem Homie Carlos Padilla quer durchs Land reisen und dabei mit unterschiedlichen Crews und Fotografen losziehen war der Plan. Vor Ort musste Maxi dann allerdings feststellen, dass in Mittelamerika so manches anders läuft als im guten alten Europa, aber keine Sorge, er ist unbeschadet zurückgekommen.

[Photos: Miguel Ángel López Virgen, Daniel Vigenor, Ernesto Rosas Pineda | Text: Maxi Schaible]

Mexiko

Kartellkriege
Meine Maschine landete am späten Abend in Mexico City und ich musste von dort aus noch mit dem Bus weiter – zwei Stunden Richtung Süden nach Cuernavaca. Aufgrund des milden Klimas ist die auf 1500 m gelegene Stadt auch als „die Stadt des ewigen Frühlings“ bekannt. Doch dieses Image eines blütenreinen Urlaubsörtchens hat längst mehr als nur einen leichten Kratzer, was ich jedoch erst später erfahren sollte. Nach der Busfahrt durch das Hochland traf ich erst einmal auf den Rest der Crew, die mich in unserem Airbnb Haus mit Micheladas (einem Biermixgetränk) empfingen. Später in der Nacht wachte ich auf, weil ich glaubte Schüsse in der Nachbarschaft gehört zu haben, die Jungs allerdings erklärten mir beim Frühstück, das sei ein Feuerwerk gewesen. Erst als wir Cuernavaca drei Tage später wieder Richtung Mexico City verließen, wurde ich aufgeklärt, dass es wahrscheinlich ziemlich sicher doch Schüsse gewesen wären, sie mich aber nicht hätten beunruhigen wollen – denn ihnen selbst war die Stadt nicht so ganz geheuer. Cuernavaca ist nämlich ein ziemlich unsicheres Pflaster und gilt mittlerweile als gefährlichste Stadt Mexikos. Sie berichteten, dass erst vor einem halben Jahr, bei öffentlichen Kämpfen zwischen den sogenannten „Narcos“ (einheimischen Drogenbanden), Leichen der gegnerischen Kartelle von Autobahnbrücken gehängt und Köpfe der Getöteten auf öffentlichen Plätzen mitten in der Stadt zur Schau gestellt worden waren.

“Köpfe der Getöteten wurden auf öffentlichen Plätzen mitten in der Stadt zur Schau gestellt”

Es wurden im Auto dann auch ständig Späße darüber gemacht, dass man sich glücklich schätzen könnte, dass „el güero“ (der Weiße, der Blonde, der „Weißhäutige“) nicht entführt worden sei. Durch die Lage der Stadt in den Bergen und die großen Waldgebiete an den Rändern sowie die teils riesigen Grünflächen, die die Häuser umgeben, bietet sie nämlich ein optimal unübersichtliches Terrain, um Leute zu entführen. Mittlerweile sei auch das sogenannte Express Kidnapping in Mode gekommen, wurde mir erklärt, bei dem man von den Entführern nur so lange festgehalten wird, bis man all seine Wertsachen rausgerückt und seine ganzen Karten leergeräumt hat. Hätte ich das alles schon vorher gewusst, hätte sich die Nightsession im Zentrum der Stadt sicherlich anders angefühlt.

maxi_wallride_aguascalientes_buena

Frontside Wallride | Photo: Ernesto Rosas Pineda

Stau Party
Mein Homie Carlos hatte mir vor meinem Flug versichert, dass wir in jeder Stadt mit Fotografen losziehen können, ein Auto haben und gemeinsam mit den anderen mexikanischen Jungs auf Mission gehen werden. Bei dem Gedanken an Mexiko und die bevorstehenden Sessions dort zog ich im Geiste sofort gewisse Parallelen zwischen der mir bestens bekannten spanischen Gemütlichkeit und dem lateinamerikanischen Way of Life. In der Realität erwies sich Mexico City zu skaten dann jedoch leider weit weniger entspannt. Das lag schon alleine an der Tatsache, dass ich durch die Zeitverschiebung und die Nightsession direkt nach meiner Ankunft heftiger vom Jetlag geplagt wurde, als gedacht. Da kam es mir nicht gerade entgegen, dass ich auf meine Frage, wann wir denn am nächsten Tag starten wollen, nicht das von mir erwartete „so gegen Mittag“ zu hören bekam, sondern ein für Skateboarder ziemlich unglaubliches „7:30 Uhr“! Dazu kam dann noch, dass wir uns nach dem Frühstück mit acht Leuten in einen Fünfsitzer quetschten – inklusive aller Boards und der Ausrüstung von Fotograf und Filmer… Das sollte zur morgendlichen Routine während meines Aufenthalts in Mexikos Hauptstadt werden. Der Grund für die Abfahrt zu unchristlicher Zeit lag sowohl an der schieren Größe der Stadt (in der 7.866 Quadratkilometer großen Metropolregion könnte man New York fast zehnmal unterbringen) sowie dem absurden Verkehr. Im Schnitt dauerte es etwa zwei Stunden, bis wir den nächsten Spot erreicht hatten. Das erklärt auch, wieso man in Mexico City pro Tag vielleicht zwei oder, wenn es „gut läuft“, drei Spots fahren kann. Dazwischen hieß es dann wieder stundenlang zu acht eingequetscht im Fünfsitzer ausharren.

„In this quarter you could buy a real crocodile within five minutes.“

Zum Glück gibt es 7-Eleven, OXXO und Circle K, denn mit Snacks und Coronitas war die Stimmung trotzdem nie am Tiefpunkt, und zum Vergnügen der gesamten Crew gab es ja noch el güero – diesen Spitznamen, mit dem mich eigentlich auch alle Fremden, auf die ich traf, anredeten, wurde ich nicht mehr los. In den Stunden im Auto sah ich die verschiedenen Facetten der Stadt: von reichen Gegenden mit Villen, umgeben von meterhohen Zäunen, bis zu den Grenzen von „Tepito“ – dem Viertel, in das sich selbst keiner der Locals ohne Connection hineintraut. Nur einer der Jungs ist bisher dort gewesen. Erklärt wurde mir Tepito mit: „In this quarter you could buy a real crocodile within five minutes.“

maxi_bs_blunt_transfer

Bluntside Transfer | Photo: Daniel Vigenor

Kidnapping Stories
Während meiner knapp drei Wochen in Mexiko waren wir in vier verschiedenen Städten unterwegs. Die Fotos aus den unterschiedlichen Orten sind dabei auch gleichzeitig eine unvergessliche Erinnerung an die Vielseitigkeit der Städte und deren unterschiedliche Looks (vom bewaldeten Bergort Cuernavaca über das riesige Moloch Mexico City und das ganz gegenteilige, kleine und entspannte Aguascalientes bis zum modernen Guadalajara). Um von Stadt zu Stadt zu kommen, nutzte ich neben Flugzeug und Auto vor allem Busse. Durch einen Fehler in der Buchung musste ich mich auf einer Fahrt nach Aguascalientes, die Heimatstadt meines Homies Carlos, einmal auf einen anderen Bus buchen. Mein Bus-Terminal lag etwa eine Autostunde nördlich des Zentrums von Mexico City – was dank der Größe der Stadt immer noch im Stadtgebiet liegt, allerdings in einem ziemlich gefährlichen Viertel.

“Jeder der Jungs hatte mir inzwischen erzählt, wie er schon einmal abgezogen worden war”

Kurz bevor ich unser Apartment verließ, gaben mir die Jungs deshalb noch den Rat, meine Wertsachen lieber aufzuteilen bzw. zu verstecken, und drückten mir ein altes iPhone 4 in die Hand. „Benutz lieber das, solange du nicht im Bus sitzt“, hieß es. Jeder der Jungs hatte mir inzwischen erzählt, wie er schon einmal abgezogen worden war. Ob in der U-Bahn, dem Bus oder in anderen unerwarteten Momenten, keiner war davor verschont geblieben. Carlos z.B. kam eines Tages aus der Metro, als er plötzlich ein Messer im Rücken spürte und ein Typ zu ihm sagte: „Wenn du dich umdrehst, stech ich dich ab. Gib mir dein Handy und deine Brieftasche und geh weiter, als wär nichts gewesen“, was Carlos dann auch gemacht hat. Also wurde alles aufgeteilt und versteckt und ich saß mit meiner Kreditkarte und Bargeld in den Socken im Uber (Taxis sind nämlich nicht die beste Idee, weil man dabei auch gerne gekidnappt wird) zum Busbahnhof. Der Fahrer musste grinsen, als el güero einstieg, in einem Gebiet, in das sich nur selten Nicht-Mexikaner verirren, und fing sofort an sich über die Zustände in Mexiko zu beschweren: korrupte Regierung, korrupte Polizei, miese Stimmung in der Bevölkerung und zu allem Überfluss nun auch noch Trump, der zu dem Zeitpunkt im Wahlkampf schon vom Mauerbau sprach. „Zum Glück bist du noch nicht entführt worden“, betonte auch er (allerdings mit weit mehr Ernst in der Stimme als meine mexikanischen Freunde) und erklärte mir, dass wenn er in der Gegend, durch die wir fuhren, anhalten würde, wir ziemlich sicher ausgeraubt werden würden. Wobei er mit „wir“ wohl eher el güero meinte. Schon im nächsten Atemzug begann er dann zu erzählen, wie seine Tochter vor einem Jahr gekidnapped worden war, als sie abends mit dem Auto von der Arbeit nach Hause fuhr. Er erläuterte, wie er verhandeln und Lösegeld besorgen musste, bis sie letztendlich wieder frei kam. Nachdem er mit seiner Geschichte endete, merkte ich, dass es bereits reichlich knapp war bis zur Abfahrt des Busses, weil der völlig chaotische Verkehr uns viel Zeit gekostet hatte. Wir waren noch etwa 500 m vom Bus-Terminal entfernt und um meinen Bus zu bekommen, fing ich an mitten auf der völlig verstopften vierspurigen Stadtautobahn meine Taschen auszuladen und zwischen den Autos die Straße entlang zu rennen, um in letzter Sekunde noch in den Bus zu springen.

maxi_ollie_aguascalientes

Ollie | Photo: Ernesto Rosas Pineda

All die hier geschilderten Geschichten vermitteln jetzt im ersten Moment wohl einen ziemlich kriminellen und angespannten Eindruck von Mexiko, aber trotz aller Probleme, die es dort gibt, hatte ich eine super Zeit mit den Jungs, erhielt tiefe Einblicke in das Land und kam am Ende heil wieder zurück. Selten wurde ich so herzlich empfangen und die Gastfreundschaft der Locals war unbeschreiblich. Mexiko ist ein extrem spannendes Land mit einer großartigen, tief verwurzelten Kultur, leckerem Essen, toller Mariachi-Musik und dem besonderen „Spanisch“, das dort gesprochen wird. Nicht zu vergessen der unvergleichbare Look der Spots. Bereits bei meinem Abflug haben mich die Jungs für nächstes Jahr wieder eingeladen und ich kann jedem nur raten, selbst einmal Lateinamerika zu bereisen.

maxi schaible mexiko

Switch Frontside Crooked Grind | Photo: Miguel Ángel López Virgen

Go top